Schloss Colditz
vom 25. Mai bis 30. August 2007



Schüler-Ausstellung auf dem Schloss Colditz


Sonderschau: Colditzer Schloss-Geschichte der Jahre 1938 − 1939

Die Colditzer Stadtchronik erwähnt diese Jahre nicht. Es scheint, dass auf dem Schloss keine Nutzung war. Oder sollte etwas verheimlicht werden? Schloss Colditz

Einige Colditzer Meinungen zu der damaligen Zeit
  • was im Schloss war, weiß ich nicht
  • man spricht nicht darüber
  • es will keiner mehr darüber reden
  • auch in der Familie wird nicht davon gesprochen
  • meine Frau ist aus Colditz, die weiß auch nichts
  • der Heimatverein hat auch keine Informationen
  • so wie ich die Colditzer kenne, die halten sich sehr bedeckt
  • es gibt niemanden in der Stadt, der etwas weiß bzw. reden wird
  • "Wer vom Schloss oben was sagte, war dran!"
  • Colditz war doch eine Nazihochburg




Die Recherchen erbrachten:
Zehn Personen Am 4. Januar 1938 wurde auf dem Schloss eine Landes-Heil-und Pflegeanstalt für psychisch Kranke mit über 360 Betten eröffnet. Die Lebensbedingungen der Kranken waren katastrophal: große Bettensäle, Trockenklo, ungenügende Waschmöglichkeiten, Räumlichkeiten kalt, feucht und im Winter kaum beheizbar.
Wegen mangelnder Hygiene litten viele Patienten an Furunkulose, Durchfall, Erbrechen, Ödeme … Kranke wurden in Einzel− und Isolierzimmer weggesperrt oder in Zwangsjacken gesteckt.
Einige Patienten wurden als "Material" für rassenhygienische Forschungen benutzt.
Die Patienten erhielten eine "Colditzer Sonderkost", die der Anstaltsdirektor Dr. Liebers verordnet hatte. Nachweislich konnten 83 Todesfälle namentlich recherchiert werden. Die meisten Angaben der Todesursachen waren Marasmus. Das ist die Bezeichnung für den schwersten Grad der Unterernährung.
So wog ein 18-Jähriger vor Eintritt des Todes 16,5 kg.
Im Oktober 1939 wurden die Patienten aus kriegstechnischen Gründen in andere Anstalten verlegt.

Diese zehn Fotos - Gesichter von verstorbenen Menschen, die auf dem Schloss Colditz als Patienten waren - konnten recherchiert werden. Die Ausstellung erinnert an alle Verstorbenen, die namentlich bekannt geworden sind. Ihrer wird würdevoll gedacht, denn sie waren auch Menschen wie Du und ich.





Fotos von der Eröffnung

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Dr. Käbisch überreichte dem Bürgermeister Manfred Heinz folgendes Schreiben für das Stadtparlament:

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Heinz, sehr geehrte Stadträte/innen,

am heutigen Tag wird die Ausstellung "Sterilisation und Euthanasie während des Nationalsozialismus" auf Ihrem Schloss eröffnet. Sie ist ein Projekt der Religionsschüler des Clara-Wieck-Gymnasiums Zwickau (früher Gerhart-Hauptmann-Gymnasium). Extra für diese Ausstellung wurde Ihre Landes-Heil- und Pflegeanstalt während der Jahre 1938 bis 1939, da auch dort Bürger der Stadt Zwickau als Patienten waren, aufgearbeitet. Die Ergebnisse der umfangreichen Recherchen werden heute erstmalig in Form von sechs Colditzern Schautafeln und einem Gedenkbuch der Öffentlichkeit vorgestellt.

Zur Ausstellungseröffnung soll Folgendes angeregt werden:
  • Diese Vergangenheit sollte vor Ort weiter, umfassender und allseitiger, so wie es bereits bei anderen Colditzer Opfern des Nationalsozialismus geschehen ist, aufgearbeitet werden. Die Ausstellung ist nur ein Impuls.
  • Es könnten Schüler, Jugendliche und Interessierte nach dieser lokalen Geschichte des Rassenwahns recherchieren. Dadurch setzten sich Jugendliche konkret mit dieser Ideologie auseinander und beginnen sowohl eigene als auch humanistische Werte zu bilden.
  • Zu der Aufarbeitung sollten auch Gespräche mit Zeitzeugen, Hinterbliebenen und Betroffenen geführt werden. So wird erkennbar: Zur Zukunft gehört die Erinnerung.
  • Die von uns Zwickauern recherchierten Akten/Dokumente sollten ins Stadt- oder Schlossarchiv kommen. Das wäre ein sichtbares Zeichen dafür, dass die einst Ausgestoßenen wieder in Ehren in Ihre Stadt würdevoll zurückkehren.
  • Es sollte in der Stadt oder auf dem Schloss ein Ort des Erinnerns entstehen, um diesen Menschen ihre Namen und − wenn möglich − auch ihre Gesichter zurückzugeben. Es ist eine christlich-ethische Aufgabe, stets die Würde des Menschen zu achten.
  • Die erarbeiteten Schautafeln könnten als Art Dauerausstellung auf dem Schloss verbleiben. Den Besuchern wird diese Nutzung des Schlosses nicht vorenthalten und verdeutlicht, wie sachgerecht und verantwortlich heute mit dieser menschenverachtenden Geschichte umgegangen wird.
  • Wir Zwickauer erklären uns bereit, Ihnen mit unseren Erfahrungen unterstützend beizustehen. Uns verbindet bereits der ehemalige Patient Ludwig Schumann, der der Sohn des berühmtesten Zwickauers, Robert Schumann, war.

Artikel über die Ausstellungseröffnung aus der Leipziger Volkszeitung
(Muldentallandkreis) vom 1. Juni 2007



"Idiot Walter": Opfer bekommen Namen

Ausstellung in Colditz schließt Lücke in Schlossgeschichte

Colditz (ch). Es sind Schautafeln, nicht mehr. Bestückt mit bedrucktem Papier, manch unscharfem Foto. Schülerarbeiten eben. Und doch ziehen die Worte und Zahlen in den Bann. Wer die neue Ausstellung "Sterilisation und Ethanasie während des Nationalsozialismus" im Colditzer Schloss besucht, sollte darauf gefasst sein, dass die Sicht auf die Greueltaten des Nationalsozialismus danach eine andere ist. So viel man auch schon darüber gehört, gelesen und gesehen haben mag − hier bekommen die Opfer ein Gesicht, einen Namen. Hier kommt Colditz direkt ins Spiel.

Denn mit der Einladung aufs Schloss ergänzten die Schüler des Clara-Wieck-Gymnasiums Zwickau ihre Ausstellung mit Rechercheergebnissen aus Colditz. 1939 befand sich im Schloss die Landesheil- und Pflegeanstalt. Und wie überall in diesen Einrichtungen siechten auch in Colditz geistig Behinderte regelrecht dahin. "Johanna, 27 Jahre, Grundkrankheit: Idiotie. Paul, 52 Jahre, Idiotie. Alfred: Angeborener Schwachsinn. Walter: Tiefer stehender Idiot." Die Blätter im Colditzer Gedenkbuch, das die Zwickauer Schüler zusammenstellten, sorgen für Gänsehaut. Insgesamt starben hier innerhalb weniger Monate 83 Menschen. Todesursache der meisten war Marasmus, definiert als schwere Form der Protein-Mangelernährung. Was Ernährung in der Landesheilanstalt Colditz bedeutete, können die Ausstellungsbesucher nachlesen. Abgemagert auf 16 Kilo verstarb ein 18-Jähriger. Auch Zschadraß spielt eine Rolle. Hier wurden Zwangssterilisationen durchgeführt. Aber es gab zugleich Widerstand, unter anderem vom Vikar von Schweinichen. Auch das arbeiteten die Zwickauer Schüler in ihre Ausstellung ein.

"Die meisten Unterlagen fanden wir im Sächsischen Staatsarchiv", erzählt Edmund Käbisch, Dompfarrer und Religionslehrer aus Zwickau. Er sensibilisierte seine Schüler für dieses Thema. "Wenn Jugendliche einen regionalen Bezug zu Euthanasie bekommen und sie sich mit lokaler Geschichte auseinander setzen, entsteht ein Prozess", weiß er. Die Wirkung war nicht nur in Zwickau, sondern auch in Kamenz zu spüren, wo die Ausstellung bereits zu besichtigen war. Dort griffen Schüler das Thema für eigene Recherchen und somit die Aufarbeitung der Vergangenheit auf. Für Colditz erhofft sich Käbisch gleiche Impulse. Die sechs für die Stadt recherchierten Tafeln können als Dauerausstellung bleiben und als Basis für die weitere Arbeit von Schülern, Bürgern oder Vereinen dienen. Die Anregung dürfte auf fruchtbaren Boden fallen. Denn in der Zeittafel des Schlosses Colditz fehlt die Beschreibung von 1938 bis 1939 − die Zeit, in der Colditz Landesheilanstalt war.

Die Schlossgeschichte wird neu aufgearbeitet

Dr. Käbisch schrieb an den Direktor der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen(PDF-Datei)

Der Antwortbrief vom Direktor Dr. Christian Striefler(PDF-Datei)

In der Zwischenzeit wurden Werkverträge an Historikern vergeben, die über die Psychiatrie auf dem Schloss Colditz recherchieren. Die Errichtung eines Gedenksteins für die Opfer der Psychiatrie wurde in Aussicht gestellt.