Eröffnung der Ausstellung in Dresden im Foyer des
Sächsischen Ministerium für Soziales
24. Januar 2006



In der Ausstellung wird auch ein Brückenschlag hergestellt zwichen dem damaligen Umgang mit Behinderung während der Nazizeit und heute in der Bundesrepublik. Es stellen sich caritative Einrichtungen der Stadt Zwickau vor: Zwickauer-Hilfe-Zentrum e. V., Christliches Sozialwerk gGmbH und Diakonie Stadtmission Zwickau e. V. Dazu informiert auch die Sonnenbergschule Werdau von ihrer Arbeit.

Fotos von der Eröffnung

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Grußwort zur Eröffnung der Ausstellung vom Abteilungsleiter für Soziales Günter Sippel

Sehr geehrte Gäste,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,

sehr herzlich darf ich Sie zur ersten diesjährigen Ausstellungseröffnung in diesem Raum begrüßen. Ganz besonders freue ich mich, dass ich Sie, Herr Dompfarrer i. R. Dr. Käbisch aus Zwickau, dass ich Sie, sehr geehrte Lehrerinnen und Lehrer, und dass ich Euch, liebe musizierende Kinder aus Werdau, hier willkommen heißen kann. Ein Stück Eures Könnens, liebe Kinder, haben wir gerade mit Freude vernommen. Ihr habt bei dieser Ausstellungseröffnung heute eine ganz besondere Aufgabe. In erster Linie umrahmt Ihr mit Euren Darbietungen diese Veranstaltung. Und zugleich schlagt Ihr den Bogen aus der hier gezeigten schlimmen Vergangenheit in unsere Gegenwart.
Seien Sie alle herzlich willkommen!
"Sterilisation" und "Euthanasie" während des Nationalsozialismus ist das Thema dieser Ausstellung. Sie wurde von einer Gruppe von Gymnasiasten des Clara-Wieck- Gymnasiums in Zwickau im vorigen Jahr fertig gestellt. Diese Ausstellung ist wichtig und notwendig. Sie hält Erinnerungen wach an unsere deutsche Geschichte. Erinnerungen werden in der Regel weitergegeben von Zeitzeugen, die ihre Erlebnisse berichten. Vielleicht kennen Sie solche Menschen, die uns durch ihre Erzählungen die Begebenheiten aus dem Nationalsozialismus in der Erinnerung wach gehalten haben. Ich freue mich, dass unter den Gästen auch der ehemalige Referatsleiter des Referates 45 dieses Ministeriums weilt. Vielen von Ihnen wird er sehr gut bekannt sein: Herr Dr. Trogisch, der sich unermüdlich für die Errichtung der Gedenkstätte für die Opfer der "Euthanasie"-Aktion "T 4" in Pirna- Sonnenstein eingesetzt hatte, und dafür, dass Pirna-Sonnenstein heute über die Gedenkstätte hinaus eine Werkstatt für behinderte Menschen beherbergt. In diesen Tagen können wir in den Medien viele Beiträge über die Frevel der dunklen Vergangenheit sehen, hören, lesen. Und es ist nicht ganz zufällig, dass auch unsere Ausstellungseröffnung heute in die zeitliche Nähe zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus fällt. Es sind in diesem Monat gerade zehn Jahre, dass der damalige Bundespräsident Roman Herzog den Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar initiiert hat − dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Der Bundespräsident ist gegen das Vergessen eingetreten; denn Zeitzeugen sterben. Roman Herzog hat damals Schüler und Jugendliche dazu aufgerufen, sich mit dem Thema der NS-Herrschaft auseinander zu setzen, und dazu, die wenigen Opfer, die das Grauen des Erlittenen weitertragen können, anzuhören. "Geschichte verblasst schnell, wenn sie nicht Teil des eigenen Erlebens war. Deshalb geht es darum, aus der Erinnerung immer wieder lebendige Zukunft werden zu lassen", so hat Roman Herzog gesagt. Es geht nicht darum, unser Entsetzen zu konservieren. Vielmehr geht es darum, Lehren zu ziehen, die auch künftigen Generationen Orientierung sind.
Die Ausstellung "Sterilisation und Euthanasie während des Nationalsozialismus" ist ein Zeitsegment. Sie entspricht dem Aufruf von Roman Herzog, sich mit dem Thema NS-Herrschaft auseinander zu setzen. Die Ausstellung macht uns exemplarisch deutlich, wohin Rassenwahn führt. Wir werden am Beispiel der Region Zwickau erkennen, dass Barbarei nicht nur in den KZs stattgefunden hat, sondern oftmals auch dort, wo wir wohnen. Die Schüler haben zum Beispiel festgestellt, dass allein am Erbgesundheitsgericht in Zwickau vermutlich 5000 Fälle von Sterilisationen verhandelt wurden. Wir werden darüber hinaus erfahren, wie wichtig der Schutz der Menschen ist, die sich nicht selbst schützen können. "Tu Deinen Mund auf für die Schwachen" haben sich die Jugendlichen als Motto für diese Ausstellung gewählt. Die Ausstellung erinnert also auch an Menschen, die sich der Maschinerie in den Weg gestellt haben. Die Gymnasiasten aus Zwickau haben für dieses Projekt bereits viel Anerkennung erfahren. Dazu gratulieren wir herzlich. Erst vor einem Monat haben sie den Demokratiepreis 2005 der sächsischen SPD-Landtagsfraktion erhalten. Um so mehr freue ich mich heute, dass wir in unserem Haus nun die Nächsten und in Dresden die Ersten sind, die diese belohnenswerte Arbeit den Menschen nahe bringen dürfen.

Herr Dompfarrer i. R. Dr. Käbisch, Ihnen und Ihren Schülern gilt unser aufrichtigster Dank, und auch Euch Musizierenden und Ihnen, sehr geehrte Lehrerinnen und Lehrer, Begleiterinnen und Begleiter. Die Ausstellung ist eröffnet.

Brief von Dr. Jürgen Trogisch

(Vorsitzender des Sächsischen Landesbeirates für Behindertenfragen) an die Schüler des Projektes vom 25.01.2006

da ich gestern nicht die Ruhe und Zeit hatte, mir die Ausstellung im SMS genauer anzusehen, bin ich heute noch einmal dort gewesen und fand mein spontanes Urteil bestätigt. Sie ist sehr gelungen und die wichtigen Fakten sind so gestaltet, daß sie auch nicht von der Fülle der Informationen zugedeckt werden. Durch den lokalen Bezug wird alles noch eindrücklicher.
Damit sind gute Voraussetzungen für die Entwicklung einer regionalen Gedenkkultur gelegt worden. Dies gilt auch für die persönlichen Texte, die Ihre Schüler vorgetragen haben.
Ich bitte Sie deshalb, diesen Brief und das beiliegende Material auch Ihren Schülern zur Kenntnis zu geben. Im Vorwort habe ich versucht, weitere unerledigte Themen zu benennen.
Unter den Unterstützern habe ich die Kreisärztekammer vermißt. Vor der geplanten öffentlichen Diskussion wäre es sicher gut, eine Kontaktaufnahme zu versuchen. Außerdem empfehle ich, sich zuvor auch mit den Möglichkeiten der Schwangerschaftsverhütung in der damaligen Zeit zu befassen.
Ich wünsche Ihnen, daß Sie weitere Schülergenerationen an dieses und andere unerledigte Themen heranführen und Ihre Erfahrungen auch mit anderen Fachlehrern austauschen.

Mit freundlichem Gruß
Trogisch